Lernen neu denken.
Warum Kinder, Eltern und Pädagogen am Limit sind und Durchhalten keine Lösung mehr ist.
Ich kenne diesen Zustand, den so viele heute beschreiben, die Überforderung, und die Atemlosigkeit. Dieses Gefühl, nur noch zu funktionieren.
Ich war selbst dort, als meine Kinder klein waren, und ich weiß, wie schnell man sich dabei verliert. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man nur noch hinterher rennt, ohne überhaupt zu merken, dass man längst aus dem eigenen Körper gefallen ist. Ich habe feine Antennen dafür und nehme das in Gesprächen mit Erziehern, Eltern und Pädagogen sofort wahr. Ich kenne diesen Ort.
Viele stehen genau dort. Sie sind erschöpft, gereizt und dünnhäutig. Gleichzeitig voller Liebe für die Kinder, die sie begleiten. Ein Kind bricht aus dem Nichts in Aggression aus, ein anderes zieht sich zurück, als würde es verschwinden wollen. Eltern drehen sich im Kreis zwischen Arbeit, Erwartungen und schlechtem Gewissen. Erzieher und Lehrerinnen halten Räume, die immer schwerer zu halten sind. Unausgesprochen ‚höre’ ich dieselbe Fragen:
Warum fühlt sich alles so anstrengend an? Was ist los mit uns, mit den Kindern, mit diesem System?
Ich habe für mich eine Erklärung gefunden, die ich bildhaft mit dir teilen möchte,
Es hilft mir, das Ganze mit dem Bild einer Erdkruste zu betrachten. Einer Kruste, die lange stabil wirkte, auf der wir unseren Alltag aufgebaut haben.
Ich habe den Eindruck, dass dieser Boden unter den Füssen sehr dünn geworden ist. Die Erdoberfläche vibriert. Unter ihr arbeitet etwas, das sich nicht länger beruhigen lässt. Man merkt das Brodeln in den Körpern der Kinder, in der inneren Unruhe vieler Erwachsener, in Teams, die auf Reserve laufen, in Familien, die an kleinste Reize anstoßen.
Ein unangenehmer Geruch liegt in der Luft, schwefelig und faul und sagt: „So geht es nicht mehr.“
Wenn ich tiefer hinschaue, wirkt es fast so, als hätten sich unter der Erdoberfläche über Jahrzehnte Kräfte gesammelt, die jetzt nach oben drängen. Es sind Kräfte, die an das erinnern möchten, wie Leben eigentlich sein könnte. Ich denke dabei oft an die Menschen, deren Gedanken mich genährt und geprägt haben.
Krishnamurti mit seiner Klarheit, die wie ein seismischer Riss durch kranke Vorstellungen geht. Joseph Chilton Pearce, der das Kind als inneres Wunderwerk beschreibt, das durch Druck nicht wächst, sondern verletzt wird. Feldenkrais, der zeigte, wie Lernen leicht wird, wenn der Körper wieder Raum bekommt. Barry Long, der den Verstand an seinen Platz rücken mochte und dem feinen Gespür Raum geben mochte. Gurdjieff, der uns mahnte, nicht schlafend durchs Leben zu gehen, sondern Selbsterkenntnis zu erlangen und Elio D’Anna, der überzeugt ist, dass unser Innenzustand die Welt formt, die wir erleben. Er meint, dass wir Krieg sehen, weil wir Krieg in uns selbst tragen…
Diese Männer haben Schichten freigelegt. Sie haben das Gängige infrage gestellt und gezeigt, wo wir uns selbst von unserer Natur entfernt haben. Ihre Arbeit ist für mich wie eine unterirdischer Vulkan, der die Erdkruste zum beben bringt. Sie haben den Boden geöffnet. Als Denker und Macher ihrer Zeit haben sie einen Weg vorbereitet, auf dem ich gerne gehen will. Nicht nur, dass ich den Weg bewusst gehen will, ich möchte auch davon berichten.
Ich habe verstanden, dass meine Arbeit, in der Mühle, mein Leben mit Kindern, eine Art Fortsetzung davon ist. Nicht im Kopf, sondern im Leben. Was ich wundersamesLernen nenne, ist keine Theorie, sondern gesunder Boden unter den Füßen, der sich wie ein Teppich auszubreiten sucht.
Denn all diese Erkenntnisse brauchen auch das weibliche Element. Die Fähigkeit, einen Raum zu halten, während sich die Form verändert. Das Lauschen und Voran-Tasten, nicht nur das Verstehen. Die fürsorgliche Wärme, nicht nur die Klarheit. Diese Erkenntnisse brauchen guten Boden, auf der etwas Neues organisch wachsen kann.
Erst durch diese weibliche Bewegung bekommt die eruptive Kraft großer Denker eine Richtung. Erst sie macht die neue Landschaft begehbar.
In meiner Vorstellung erleben wir im Moment einen Übergang. Kein Ende. Einen Übergang, der unbequem ist, laut, ganz sicher widersprüchlich, aber nicht ohne Sinn.
Die Kinder zeigen uns, was nicht mehr passt. Die Erwachsenen spüren, was sie nicht mehr tragen können. Und das, was unter der Kruste an guten Kräften gearbeitet hat, kommt jetzt an die Oberfläche, damit wir etwas Neues aufbauen können, das wieder mit dem Leben verbunden ist.
Wenn ich heute zurückblicke auf die Jahre, in denen ich selbst kaum geatmet habe, dann sehe ich, was mir damals fehlte: die bewusste Verbindung mit meinem Körper. Die Möglichkeit, wieder in mir anzukommen. Mich zu spüren, statt nur zu reagieren. Wahrzunehmen, statt zu funktionieren.
Ich hatte all die Werkzeuge, wie Feldenkrais, Körperarbeit, Natur, Stille, aber ich nutzte sie nicht umfassend genug für mich. Erst viel später, ausgelöst durch die schockartige Trennung vom Vater meiner Kinder, verstand ich, dass die Veränderung niemals außerhalb beginnt. Sie beginnt dort, wo ein Mensch wieder in seiner eigenen Gegenwart ankommt - im Körper.
Durch die Sinne und den Körper entsteht die neue Lernlandschaft, von der wir so dringend sprechen müssten, nicht aus Programmen, sondern aus Menschen, die wieder in sich selbst landen. Menschen, die atmen, hören und fühlen, statt nur zu funktionieren.
Eben einfach, wie Kinder es tun.
Wenn wir lernen, mit den Kindern gemeinsam zu gehen, statt sie in alte Formen zu pressen. Denn die Kinder sind Meister darin, im Nichtwissen zu operieren. Wenn wir begreifen, dass das, was jetzt bricht, nicht unser Scheitern ist, sondern der Moment, in dem etwas Größeres wieder atmen will.
Ich spreche ja immer von Transformation in Erziehung und Lernen. Sie geschieht eben nicht einer erkennbaren Logik folgend, sondern durch das Einlassen auf das, was aus dem Nichtwissen entstehen möchte.
Es geht wirklich darum neu zu lernen. Es geht nicht mehr darum, schneller, besser, klüger und besser verdienend zu werden, sondern wahrnehmender.
Transformation in Erziehung und Lernen folgt keiner linearen Logik, keinem Plan, vor allem keinem Rezept. Sie geschieht dort, wo Menschen bereit sind, sich selbst wieder zu spüren und im Körper anzukommen. Sich dem Weg zu öffnen, dem Leben zuzuhören, statt zu versuchen, alles zu kontrollieren.
Wenn wir diesen Boden betreten eher vorsichtig und tastend, dann merken wir, dass wir nicht im Nichts stehen. Wir sind bereits mittendrin, mit Kindern eine Lernlandschaft zu bauen, die nicht vornehmlich von Erwachsenen gemacht wird, sondern organisch mit jungen Menschen wachsen darf.
Sicherlich ist es an vielen Orten noch eine Utopie. Für mich ist es genau das, was ich Lernen nenne: gelebte Beziehung zum Leben.

