Der dicke Bauch.
Warum Lernen, Vertrauen und Leben im Bauch beginnen und was wir verlernt haben.
Vor ein paar Tagen las ich über das enterische Nervensystem. Mir wurde klar, dass es kein „Anhängsel“ unseres Gehirns ist, sondern ein ganz eigenständiger Akteur. Es ist ein eigenständiges ‚Superhirn‘ in unserem Bauch, das vermutlich seit Millionen Jahren weiß, was es tut.
Der Bauch erkennt, wo es lang geht, lange bevor das Gehirn sich wichtig macht.
Ist das nicht faszinierend?
Mein Bauch braucht mein Gehirn nicht, um zu verdauen, zu spüren und zu entscheiden. Es kommuniziert mit dem Gehirn, aber es gehorcht ihm nicht.
Das ist Feinheit, wie ich immer sage, feine Wahrnehmung.
Der Bauch misst Spannung Druck und Dehnung, erkennst chemische Milieus und kann blitzschnell entscheiden:
Ist das gefährlich?
Ist das brauchbar?
Sollte das raus aus dem Körper?
Bin ich hier sicher?
Oder sollte ich mich an einen anderen Ort bewegen?
Der Bauch steuert unsere Immunreaktionen und ist auf engste mit Angst, Stimmung, Sicherheit und Vertrauen verknüpft.
Mir wurde deutlicher denn je, dass ein Großteil der Informationen vom Bauch in Richtung Gehirn laufen und nicht umgekehrt, wie ich es lange angenommen hatte.
Der Bauch ‚weiß’, bevor ich denke. Er ist vorsprachlich und vor allem vor-kognitiv.
Er reagiert auf Resonanz.
Ich musste dann an all die kleinen, gesunde Kinder mit ihren dicken Bäuchen denken, die sie noch ungeschützt in die Welt stellen.
Hang loose.
Ich habe mich gefragt, was diese dicken, weichen, tollen Bäuche wohl über die Lernfähigkeit der Kinder aussagen?
Ein Kinderbauch ist diese bewegliche, mit Liebe aufgepustete Kugel.
Babies und Kleinkinder haben keine flachen Bäuche, weil ihr Körper (noch) nicht auf Spannung gebaut ist. Da ist noch keine Selbstkontrolle, kein gestresstes Einziehen vom Bauch, weil die Atmung nicht durch Emotionen überladen im Brustraum eingesperrt wird.
Ein Kind lebt noch von Innen nach Außen und nicht von Oben nach unten.
Der Bauch ist das Lernfeld. Der Bauch braucht Zeit und Raum, bis sich das Darmnervensystem gebildet hat, das Immunsystem seine ureigene Prägung erfahren hat und das Empfinden von Sicherheit, Vertrauen und Gefahr kalibriert ist.
Ist das nicht ein unglaubliches System? Das nenne ich mal Entwicklungsintelligenz.
Das ist Lernen von innen heraus.
Ein weicher Bauch würde bedeuten, dass das Kind keine dauerhafte Spannung trägt. Es braucht keinen Schutzpanzer. Wenn es ihm gut geht, muss es nichts halten. Es wird bestenfalls noch gehalten.
Mir ist klar geworden, dass diese weiche, kugelige Bauch der Kinder vielleicht sogar ein Urzustand ist.
Nicht korrumpiert nennen wir es später Bauchgefühl, Intuition; Körperwissen oder innere Führung. Im Grunde könnte man auch sagen, einfach Leben, mit der Qualität einfach-sein zu können.
Der kindliche Bauch ist präsent.
Er kann in dieser Sekunde lachen und in der nächsten Sekunde vor Entrüstung schreien, nur um 3 Minuten später dann entspannt einschlafen zu können.
Das Kind hat noch diese unglaubliche Fähigkeit genau mit dem zu sein, was in diesem Moment ist.
Diese Präsenz muss ich mir als Erwachsene wieder mühevoll erarbeiten.
Ich nenne das wundersamesVERlernen und oft frage ich mich:
Wie könnte eine Lernwelt für Kinder aussehen, die sie nah an ihrem Bauch wachsen lässt?

